Dienstag, 9. März 2010

Der perfekte Bluff

Er muss nicht filmreif, nicht spektakulär oder eindrucksvoll sein. Er muss einfach durchkommen. Mit minimalen Risiko und kleinster Gegenwehr, den maximalen Gewinn erzielen. So geschehen am Samstagnachmittag im Grand Hyatt beim EPT Berlin. Bewaffnete Räuber stürmen durch den Hintereingang in das Foyer des zweiten Stocks. Sie haben es auf das Geld in den Kassen abgesehen, was sich durch laufende und gerade beginnende Side Events gesammelt hat.

Timing is everything..

Wir schreiben den 6.3.2010 - Tag 4 der EPT Berlin: Der große Ansturm ist vorbei. Viele Spieler des Main Events sind bereits ausgeschieden. Bei der Security und der Organisation kehrt Ruhe und Routine ein. Die Täter sind wahrscheinlich zum Teil Spieler, die bereits ausgeschieden sind, oder haben Helfer unter den Teilnehmer oder dem Personal, welche die benötigten Informationen besorgen. Sie kennen die äußeren Umstände sowie die Gegebenheiten und wählen den Zeitraum bewusst, da niemand mit einem Überfall am hellichten Tage rechnet wie beim Pokern. Ist die Schwachstelle einmal gefunden, so schlägt man bei passender Gelegenheit zu.

Bluff or Semi-Bluff?

Bewaffnet mit verschiedenen Schusswaffen, Macheten und lautem Geschrei dringen sie in das Gebäude ein. Wahrscheinlich lautet ihr Ziel schnell rein und schnell wieder raus ohne jemanden zu töten oder ernsthaft zu verletzen. Wie sich heraus stellt, fällt kein einziger Schuss. Pistolen und Gewehre sind womöglich Attrappen. Ein reiner Bluff! Nur die langen Messer sind echt, um notfalls doch etwas in der Hand zu halten, falls es zum Showdown kommt.

Never change a winning tactic!

Gut durchdacht... schlecht gemacht. Man sieht, dass die Räuber keine Profis sind. Auf der Weg nach draußen wird einer der Täter zu Boden gerissen und ein Teil der Beute geht verloren. Erstaunlicherweise können trotzdem alle erfolgreich fliehen - dem Überraschungsmoment sei dank. Hilfreich wär vielleicht etwas mehr Konsequenz und ein Dutzend guter Hollywood-Filme als Vorbereitung gewesen. Wie beim Pokern, liegen Theorie und Praxis oft weit voneinander entfernt.

Meine Analyse klingt vielleicht an der ein oder anderen Stelle etwas makaber, deshalb möchte ich es nocheinmal klarstellen. Auch ich finde, dass es der schwarzeste Tage im Laufe der EPT und des Pokersports war. Ein solcher Überfall in Deutschland am hellichten Tage ist wirklich erschreckend. Viele hätten wohl nie damit gerechnet, dass so etwas mitten in der Landeshauptstadt passieren kann. Umso erfreulicher ist die Tatsache, dass außer ein paar Leichtverletzter alle mit dem Schrecken davon gekommen sind.

Montag, 1. März 2010

Illusionen

Früher dachte ich, die Welt sei groß. Heute weiss ich: Sie ist es nicht. Man steigt in ein Flugzeug - ist nach 9h in New York, nach 4h in Nordafrika und nach 20h am anderen Ende der Welt. Man stellt den Fernseher an - sieht Nachrichten aus aller Welt, Umweltzerstörung in China, neue Technologien aus Nordamerika und Armut aus Afrika. Das Internet schafft heute in Sekunden das, was vor 50-100 Jahren nur wenigen Leuten in langer Zeit möglich war. Reisen. Mit einem Klick Informationen und Bilder von jedem Ort der Welt finden. Mit einem Klick Illusionen vernichten. Auch wenn es vielleicht unreale, idealistische Vorstellungen sind, regen sie trotzdem die eigene Fantasie an. Sie veranlassen Menschen lange Strapazen auf sich nehmen, um ferne, verlassene und manchmal sogar gefährliche Orte zu besuchen, nur um den einen Moment zu erleben. Den Moment, den man nie wieder vergisst. Den Moment, von dem man noch seinen Kindern und seinen Enkeln berichtet. Das erste Mal eine winzige, tropische Südsee-Insel betreten oder das erste Mal beim Bergsteigen ein Meer von Wolken zu erblicken.
Mir wurden nie solche Geschichten erzählt. Doch hab ich die Bilder vor meinem Auge als hätte ich es selbst erlebt. Kinder, die voller Neugierde strampelnd auf dem Boden liegen und ihren Großvater gespannt zu sehen wie er im Sessel sitzt und Geschichten von damals erzählt, als er auf einem riesigen Dampfschiff von Europa in die Neue Welt reiste. Schade, zur falschen Zeit geboren... Heute erzählen Kindern ihren Eltern alles über die Reise mit einem Flugzeug und darüber wie es auf so einem Flughafen zugeht oder sie legen "Terminal" mit Tom Hanks in den DVD-Player...
Was würde ich für die Illusionen meiner Kindheit geben? Als die Welt noch riesig erschien und jede Reise ein echtes Abenteuer war.
Früher dachte ich, ich werde Profi-Fußballer. Heute weiss ich: Meine Zeit ist vorbei... ich bin zu alt. Etwas Talent habe ich wohl noch, aber es gibt immer Leute, die besser sind oder einfach nur mehr Glück haben. Von der Illusion, dass es irgendwie immer weiter geht, lebte wohl mein Sportlerherz. Und Wahrscheinlich nicht nur meins! Profi im nächsten Leben... das ist mein Ziel!